Fragen & Antworten

Immer wieder werden Fragen an das Kunstprojekt Winterreise herangetragen, die auf dieser Seite aufgegriffen werden sollen.

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Winterreise und Wohnungslosigkeit - wie geht das zusammen?

 

 

"In eines Köhlers engem Haus

hab Obdach ich gefunden" -

so heißt es etwa in Wilhelm Müllers Lied "Rast" aus der Winterreise. Müller hat das Unbehaustsein in seinen Texten verankert. Auch die Verbindungen mit den Themen Sucht, Sinnsuche, Vertreibung, Depression sind möglich, ohne den Liederzyklus zu überdehnen, oder gar zu entstellen. Dichter Wilhelm Müller war es, der seiner Winterreise das Themengebiet Entfremdung, Heimatsuche und Sehnsucht nach dem Ankommen beigegeben hat.



Passen die Lieder der Winterreise und die Geschichten von heutigen, sozial ausgegrenzten Menschen inhaltlich und atmosphärisch zueinander?

 

Schubert und Müller erzählen in ihren Liedern von Einsamkeit, Sinnsuche, Verlorenheit und Sehnsucht. Auch die Geschichten aus der wohnungslosen und sozial ausgegrenzten Menschen unserer Zeit reflektieren solche Gefühle. Geradezu verblüffend gerät die direkte Verbindung und der Dialog mit einigen Liedern der Winterreise. Manche wohnungslosen Menschen berichten darüber, dass sich der soziale Niedergang über schlimme, aufregende Post ankündigte und dass man auf der Straße keine bösen, aber eben auch keine schönen Briefe mehr erhält, weil man keine Adresse mehr hat. Wenn nach so einer Geschichte das Lied „Die Post" erklingt, in der die Aufregung eines Menschen in Erwartung eines Briefes erzählt wird, dann ist die Verbindung beider Elemente nicht nur naheliegend, sondern geradezu zwingend. Auch das Irrlicht mit Sucht- und Drogenerfahrungen zu konfrontieren, oder „Im Dorfe" mit dem Gefühl von Vertreibung zu verbinden, ist redlich.

So finden sich im Projekt Deutsche Winterreise bei genauem Hinsehen zu allen 24 Schubert-Liedern überzeugende Anschlüsse, die diesen Dialog nicht nur spannend, sondern schlüssig halten.

Und obwohl die Textgattungen sich ganz bewusst unterscheiden und zwei unterschiedliche Epochen repräsentieren, wird im Kunstprojekt Deutsche Winterreise klar: Hier geht es um Menschen und ihre abgründigsten, dunkelsten Gefühle – und diese Gefühle liegen über der Zeit.

 

Einen Zyklus schauerlicher Lieder hat Schubert selbst angekündigt – und auch das Kunstprojekt Deutsche Winterreise greift erschütternde, verstörende, sensible Geschichten auf. Um reinen Wohlklang, leichte Unterhaltung geht es dabei nicht. Diese Winterreisen sind – trotz des musikalischen Genusses und hohen künstlerischen Niveaus – Herausforderungen, aber keine Spaziergänge durch heitere Klanggärten.

Jede Aufführung einer Neubearbeitung nimmt den Namen des Aufführungsortes an. Wie ist das zu erklären?

 

 

Jede Neubearbeitung wird am Veranstaltungsort über mehrere Monate hinweg aufwendig recherchiert und speziell für den jeweiligen Ort erarbeitet. Nur so ist es zu rechtfertigen, das der Städtename auch dem Kunstprojekt den Namen gibt. Die Verbundenheit mit dem gastgebenden Ort und die Nähe zu den Bewohnern der Stadt ist sehr eng - und eine Voraussetzung für die Aufführung.

Seit einiger Zeit heißt das Projekt nicht mehr nur "Deutsche Winterreise", sondern wurde in "Projekt Winterreise" umbenannt. Warum?

 

Der Zyklus Winterreise ist ein internationales Kunstwerk, das in vielen Übersetzungen vorliegt. Soziale Not ist grenzenlos und leider in vielen Gesellschaften ein großes Problem, daher ist es notwendig, über den Tellerrand hinaus zu blicken und die starke Idee des Kunstprojekts nicht auf ein einziges Land zu beschränken. Mit dem erweiterten Titel "Projekt Winterreise" öffnet sich das Projekt für Städte außerhalb Deutschlands. Aber die Sammlung mit Geschichten aus deutschssprachigen Städte ist nicht abgeschlossen, sondern weiterhin wird es das Projekt "Deutsche Winterreise" geben. Zwei Domainsadressen führen künftig zum Projekt: www.deutsche-winterreise.de und www.projekt-winterreise.com

Warum werden sozial ausgegrenzte Menschen nicht als Akteure oder Statisten in die Aufführung integriert? Warum treten sie nicht selbst in Erscheinung?

 

Als tatsächlich Betroffener innerhalb eines Theaterstücks, eines Liederabends oder einer Lesung einen Obdachlosen dazustellen, würde die Gefahr in sich bergen, diese Menschen öffentlich zur Schau zu stellen und dauerhaft zu stigmatisieren. Das wird im Kunstprojekt Deutsche Winterreise abgelehnt. Die allermeisten für das Projekt interviewten Menschen wollen nicht in der Öffentlichkeit stehen, sondern erzählen für das Projekt ihre Geschichte nur unter Zusicherung ihrer Anonymität. Es wäre deshalb aus Sicht des Projektinitiators unverantwortlich, Menschen zu einem öffentlichen Auftritt zu überreden, bei der sie vom Publikum als Sinnbild eines Obdachlosen wahrgenommen werden sollten.

 

Die beteiligten wohnungslosen Menschen sollen nicht gegen ihren Willen inszeniert werden. Voyeurismus findet im Projektkonzert keinen Raum. Das Publikum soll am Ende einer Winterreise-Aufführung niemanden mit Namen oder Gesicht wiedererkennen, dessen Geschichte im Projekt erzählt wurde. Niemand soll auf eine Phase seines Lebens reduziert werden. Wohnungslosigkeit ist ein überwindbarer Zustand. Niemand soll für ein Kulturprojekt in dieser Situation verharren müssen oder öffentlich in diese Rolle zurückkehren müssen.

 

Wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen sollen aber unbedingt zu einem eigenen, freien kulturellen Ausdruck ermutigt werden.

In einigen Städten haben wohnungslose Maler und bildende Künstler die Aufführung mit ihren Werken bereichert, oder speziell eine Begleitausstellung erarbeitet.



Warum ist Anonymität ein Grundsatz des Projekts Deutsche Winterreise?

 

 

Zum Wesen des Projekts Winterreise und der Deutschen Winterreise zählt, dass die in den unterschiedlichen Städten in Einzelinterviews befragten wohnungslosen und sozial ausgegrenzten Menschen ihren Namen und ihr Gesicht nicht offenbaren müssen. Ohnehin ist Freiwilligkeit grundlegend für das Projekt. Niemand wird überredet oder bedrängt.

Vielen Gesprächspartnern ist die zugesicherte Anonymität wichtig. Und gerade die stillen und zurückgezogenen Menschen haben Erfahrungen von hohem gesellschaftlichem Erkenntniswert zu erzählen. Sie erhalten im Kunstprojekt die Möglichkeit zu kultureller Teilhabe. Denn es sind die Geschichten dieser Menschen, die der Aufführung den Charakter geben. Mit der angebotenen Anonymität gelingt es, bei vielen Menschen eine große Offenheit in der Schilderung ihrer Lebenserfahrungen zu erreichen. Die Interviewpartner entscheiden, was sie aus ihrem Leben berichten, und in welchem Umfang sie sich anvertrauen wollen.

Viele empfinden es geradezu als Befreiung, aus ihrem Leben erzählen zu können.

„Erzählen Sie meine Geschichte, damit andere daraus lernen und nicht alles umsonst war", sagten beispielsweise einige Interviewpartner im Projekt Deutsche Winterreise.

Lediglich die Stadt, in der die berichtenden wohnungslosen Menschen leben oder in der sie ihre Erfahrungen sammelten, ist bekannt, damit die Zuhörer verstehen, dass das berichtete Geschehen in ihrer unmittelbaren Umgebung stattfindet.



Wie sieht das Interviewsetting aus?

 

 

 

Zur Vorbereitung der Winterreise besucht Stefan Weiller in Absprache soziale Einrichtungen in der Stadt der nächsten Winterreise um dort Einzelinterviews mit Menschen zu führen. Fachkräfte aus den Einrichtungen vermitteln die Gesprächspartner und klären vorab die Bedingungen und Ziele des Projekts. Es dient dem sozialen Anliegen des Projekts, wenn diese Menschen unterschiedlichen Alters sind, wenn sowohl Männer als auch Frauen dabei sind, wenn die Lebensgeschichten unterschiedlich sind. Die Vielfalt des Erlebens sozialer Herausforderungen soll sich im Projekt abbilden können. Für die Gespräche wird pro Person etwa eine Stunde angesetzt. Das Gespräch wird in einem ruhigen Raum einer sozialen Einrichtung geführt. Gerne dürfen Sozialarbeiter an allen Gesprächen teilnehmen. Besuche in Privatwohnungen sind ausgeschlossen. Die Themen orientieren sich an den Themen von Wilhelm Müllers Winterreise. Die Aussagen werden lediglich handschriftlich protokolliert. Alle Aussagen werden später sprachlich bearbeitet, vereinheitlicht und anonymisiert. Namensnennungen, genaue Altersangabe, Nennung des Arbeitgebers, konkrete Beschreibungen des Aussehens unterbleiben. Der Projektinitiator führt die Gespräche in seiner Funktion als Journalist und Künstler. Die Gesprächspartner müssen wissen, dass es sich bei dem einmal stattfindenden Interview nicht um ein therapeutisches oder sozialpädagogisches Angebot handelt. Wiederholte, längerfristige Kontakte zu den befragten Menschen sind nicht intendiert und nicht möglich. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen, die sich am Kunstprojekt beteiligten und für das Projekt befragt werden, von sozialpädagogischen Fachkräften längerfristige Begleitungsangebote erhalten, die gegebenenfalls über den Interviewtermin hinaus aufrecht erhalten werden.

Es werden keine Menschen interviewt, die sich in einer akuten psychischen oder körperlichen Krise befinden.



Wie entstehen die Texte?

 

 

 

Alle Texte werden von Stefan Weiller geschrieben. Es handelt sich nicht um O-Töne, sondern um belletristische Annäherungen. Die handschriftlichen Stichwortprotokolle, die Stefan Weiller während der Interviews anfertigt, werden von ihm später bearbeitet, sprachlich vereinheitlicht, zusammengefasst. Dabei gilt der Grundsatz inhaltlicher Treue. Nichts wird erfunden, weggelassen, hinzugefügt. Es handelt sich aber nicht um Wortlautinterviews und selten um O-Töne.

Die Texterstellung ist ein aufwendiger, sensibler Prozess, in dem immer wieder nach Bezügen zu den Gefühlsbeschreibungen der Müllerschen Winterreise gesucht wird. Stefan Weiller verwendet Motive der Interviews und erzählt wahre Begebenheiten in sprachlicher Freiheit nach. Die Sprache wird vom Autor gestaltet und ist also eine freie Schilderung der Antworten aus den Interviews. Weillers Arbeitsweise entspricht  einer journalistischen Herangehensform. Auch ein Journalist muss eine Auswahl aus vorhandenem Material treffen.

 

Die Texte im Kunstprojekt Deutsche Winterreise sind bewusst bruchstückhaft, fragmentarisch, miniaturhaft verfasst. Es handelt sich niemals um die Nacherzählung eines kompletten Lebenslaufs, sondern immer nur um Auszüge, Fragmente und Schlaglichter.



Wer ist die Zielgruppe dieses Projekts? Für wen ist es gedacht?

 

 

In erster Linie wendet sich das Projekt an eine breite interessierte Schicht, die über das Medium Kunst die Auseinandersetzung mit den Themen sozialer Ausgrenzung eingehen will und denen diese Themen aus der eigenen, vermeintlich gesicherten Lebenssituation fern zu sein scheinen.

 

Nachvollziehbarkeit, Verständnis, Dokumentation mit künstlerischen Mitteln zählt zur Absicht des Kunstprojekts.

 

Anders als vielfach vermutet, tritt dieses Projekt nicht vorwiegend deshalb an, um wohnungslosen Menschen, denen die geschilderten Themen allzu vertraut sein dürften, kulturelle Unterhaltung in Form eines Liederabends oder einer Lesung zu bieten. Hier gibt es andere Konzepte, die speziell mit Konzerten und Musikdarbietungen Kunst und Kultur in soziale Einrichtungen tragen.

 

Das Projekt stellt Schuberts Musik und Wilhelm Müllers Lieder ins Zentrum, daher ist auch die Gruppe der musikalisch und künstlerisch interessieren Menschen besonders angesprochen.

 

Grundsätzlich gilt: Niemand wird ausgeschlossen, jeder Besucher ist bei den Aufführungen willkommen.



Warum tragen die Sänger und Sprecher klassische Konzertkleidung? Wirkt das nicht eher ausgrenzend?

 

Von manchem Menschen wird die Entscheidung, dass die Sänger und Sprecher der Aufführungen in schwarzer Konzertkleidung auftreten, zunächst kritisiert, weil man sich dadurch zu weit vom Leben wohnungsloser Menschen entferne. Auch befürchtet mancher, dies diene dazu, es dem Publikum unangenehme Bilder und Kontakte zu ersparen. Aber welche Kleidung würde passen? Der Rückgriff auf Klischees ist keine Lösung. Längst nicht alle wohnungslosen Menschen sind über ihr Aussehen oder gar über Körpergeruch identifizierbar - besonders letzte Annahme müsste sogar als beleidigend empfunden werden. Es gehört zur Würde des Projekts und der inteviewten Menschen des Projekts, dass die Aufführung auf Neutralität achtet und gängige Vorurteile und Erwartungen nicht bedient.

Weshalb weicht das Kunstprojekt von der gängigen Aufführungspraxis ab? Wie lässt sich rechtfertigen, dass sogar Chor und Jazzmusiker in manche Aufführungen integriert werden?

 

Schuberts Winterreise wird immer wieder musikalisch interpretiert. Es ist kein Museumsstück, um das man ehrfürchtig herumschleicht und nicht verändern darf. Diese Musik berührt, beschäftigt, verstört, inspiriert. Wie traurig wäre es, wenn Hans Zenders Bearbeitung für Orchester, oder Elfriede Jelineks Theaterstück, in dem einzelne Sätze von Wilhelm Müller mit Jelineks Sprache verflochten ist, aus falsch verstandenem Respekt gegenüber dem ursprünglichen Werk niemals entstanden wären?

Die Winterreise ist nicht tot, sondern ein lebendiger Impuls zu immer neuen Deutungen und Begegnungen.

Mehrere Solisten und sogar einen Chor einzusetzen, ergibt Sinn, denn Wohnungslosigkeit und soziale Ausgrenzung betrifft nicht nur einen Menschen. Deshalb ist es redlich und angebracht, einige Stücke aus der Winterreise vom Schicksal des Einzelnen zum Erleben von vielen Menschen zu machen. Der Chorklang und die Liedtexte schaffen einen neuen Verständniszugang zu Fragen, denen sich viele Menschen von Zeit zu Zeit stellen: Wer bin ich als Individuum und als Teil einer Gruppe? Zugleich schafft etwa der integrierte Silcher-Satz des Lindenbaums in einer Chorversion ein Stück Geborgenheit und Heimat für die Hörer; der Chor repräsentiert hier auch die Bedeutung von Gemeinschaft, denn kein Mensch lebt für sich allein – oder sollte nur für sich alleine leben müssen.

Der Einsatz von Jazz- und Chanson-Elementen: Aus der Popmusik ist das Covern von Liedern bekannt. Und auch in der klassischen Musik wird immer wieder nach neuen Interpretationen gesucht. Was sagt das Lied, das die Basis für die moderne Interpretation legte? Jeweils ist die Suche nach der Essenz eine Liedes und seiner Botschaft ein Anspruch, der vielleicht am Beginn jeder Bearbeitung steht. Jazzmusik, die etwa in der Berliner Winterreise in vier Stücken zum Einsatz kommt, schlägt eine Brücke über die Zeiten der Entstehung des Zyklus zur heutigen Zeit. Jazz kennt das „Feeling blue", das man auch in der Winterreise entdecken kann. Auch das Chanson erzählt oft von verlorenen Träumen und vermisster Liebe. Die Verbindung aus Vertrautem und die Entdeckung von Neuem, Unbekannten, möglicherweise sogar Verstörendem passt inhaltlich in das Konzept des Kunstprojekts Deutsche Winterreise. Die Gefühlsbeschreibungen Schuberts und Müllers treffen auf die Gefühle unserer Zeit, beides nimmt einen Raum ein. Zugleich ist jede Aufführung der Deutschen Winterreisen zumindest in Nuancen anders. Jede ist eine neue Annäherung, eine Auseinandersetzung, ein Suchen nach Verständnis. Aber die neuen Klänge nehmen im Projekt nicht überhand, denn der vertraute Liederzyklus soll weitgehend erhalten bleiben.

 

Wichtig ist: Es ist und bleibt Winterreise – ob im Gewand des Jazz, oder in der ursprünglichen Gestalt. Puristen werden sich freilich an den Aufführungen dieser Winterreisen reiben und die strenge Konzertatmosphäre mit nur einem Sänger und einem Pianisten vermissen. Andere werden sich einlassen auf die spannende Entdeckungsreise durch die Musik und die Geschichten.



Welche Ziele sind im Projekt bedeutend?

 

 

 

In der Sozialen Arbeit wird der Grundsatz verfolgt, Stimme der Stummen zu sein. Dies kann das Projekt leisten, denn es bringt Menschen zum erzählen, reflektieren, nachdenken, ohne sie stumm und unmündig zu halten. Und es kommen Menschen zu Wort, die sonst nicht auf die Idee kämen, sich künstlerisch zu beteiligen und zu betätigen. Insofern bewahrt das dokumentarische Kunstprojekt einen wichtigen Schatz: die authentischen Lebensgeschichten von Menschen am sozialen Rand.

Zentrales Anliegen bleibt, Menschen dabei zu unterstützen, den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu gehen, ohne aufgrund ihrer Vergangenheit in eine Schublade gesteckt zu werden. Es ist sicher keine Schande phasenweise große soziale und persönliche Probleme durchlitten zu haben, aber es wäre verantwortungslos, diese Menschen zu überreden, oder zu bedrängen, sich mit Gesicht und Namen zu outen. Gerade von den Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern des Projekts wird die Anonymität als besondere Qualität geschätzt.

 

Ziele: Verständnis, Integration und soziale Teilhabe für sozial benachteiligte Menschen - ungeachtet von Biografie, Geschlecht, Alter, Herkunft oder Religion.



Darf man soviel Schicksal aneinanderreihen, wie es in den Winterreise-Aufführungen geschieht? Ist das nicht übertrieben?

 

In sozialen Einrichtungen für wohnungslose und sozial ausgegrenzte Menschen treffen sich manchmal an einem Tag zwischen 100 und 300 Personen, dieser Wert stützt sich auf die Erfahrungen von Städten mit rund 250 000 Einwohnern. Alle Menschen bringen ihre eigene Geschichte von Not und Sorge mit. Die Aufführungen der Winterreise bestehen in der Regel aus Lebensberichten von bis zu zwanzig Personen. Damit bildet sich also im Kunstprojekt ein Teil der individuellen Erfahrungen von Menschen ab, die tagsüber in sozialen Einrichtungen aufeinander treffen. In den Winterreisen wird also zu einem vergleichbar kleinen Teil das schwere Schicksal erfahrbar, das in noch größerem Umfang zum Alltag sozialer Einrichtungen gehört. Die eigentliche Zumutung ist also in der sozialen Realität unserer Städte zu finden. Die 100-Minuten einer Winterreise sind also nur ein kleiner Ausschnitt.



Geht die kunstvolle, poetische Sprache der Müller-Lieder wirklich mit den harten, knappen Texten aus der heutigen Zeit zusammen? Ist der Stilbruch nicht zu groß?

 

Die lyrische, in Reimen verfasste Kunstsprache Wilhelm Müllers beschreibt in der Winterreise Seelenzustände, die zu jeder Zeit für Menschen erfahrbar waren und es heute noch sind. Die Texte, die im Kunstprojekt Deutsche Winterreise zu Müllers Liedern gestellt werden, beschreiben die Wahrnehmung und das Erleben heutiger Menschen - diese modernen Berichte sind durchaus als Erfahrungen zu werten, die in Müllers Beschreibungen von Einsamkeit, Sinnsuche, Ausgrenzungserleben eine Entsprechung finden.

Die emotionale Ebene, die besonders durch die Gedichte der Winterreise betont wird, mit der harten Realität unserer Zeit zu konfrontieren, schafft einen neuen Verständniszugang zum Menschen in seinem Fühlen und Denken, aber auch zum Liederzyklus selbst.

Es wäre absurd, die Erlebnisse von der Straße in eine poetische Sprache bringen zu wollen. Beides steht im Kunstprojekt also nebeneinander, verbindet und ergänzt sich, ohne eine Form der stilistischen Konkurrenz herstellen zu wollen. Müllers Lyrik ist über jeden Zweifel erhaben, heute so schreiben zu wollen, wie er es einst tat, wäre nicht nur anmaßend, sondern müsste scheitern.

Gibt es eine politische Deutungsebene im Kunstprojekt Winterreise, oder lässt das Kunstprojekt politische Aspekte, die im Werk Wilhelm Müllers von einigen Forschern herausgelesen wird, außer Acht, indem es sich einzig auf die Gefühlsebene von Einzelschicksalen konzentriert?

 

Müllers Winterreise steckt voller starker Bilder, die sehr eindrucksvoll das innere Erleben eines Menschen beschreiben. Aber auch als Anklage an die damalige politische Situation wird dieses Werk des frühen 19. Jahrhunderts verstanden – wenngleich sich diese Annahme vor allem auf die politisch interpretierbaren Symbole konzentriert, die aber nicht klar und völlig eindeutig sind. Kritik an herrschendem Unrecht, Freiheitswunsch, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Respekt – all das und vieles mehr kann man aus Wilhelm Müllers Liedern herauslesen. Nun sind die politischen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts keinesfalls mit den heutigen Bedingungen vergleichbar, aber der Wunsch nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse ist auch aus den Aussagen heutiger Menschen vom vermeintlichen sozialen Rand zu entnehmen. Die Gespräche mit Menschen in Armut und Not, wie sie für das Kunstprojekt in sozialen Einrichtungen unserer Tage geführt werden, tragen die tiefe Sehnsucht und drängende Forderung nach mehr Solidarität und würdigem Miteinander in sich – und in das Kunstprojekt Deutsche Winterreise hinein. Das Kunstprojekt Deutsche Winterreise gibt sich keineswegs nur den Gefühlen von Trauer und Klage hin, aber es blendet die Auswirkung sozialer Not auf das Gefühlsleben der Betroffenen nicht aus. Für den Zuhörer mögen diese Aspekte am stärksten wirken, sodass viele andere Botschaften und Forderungen vielleicht zunächst vom Mitgefühl des Hörers überdeckt werden. Aber: Mitleid ist nicht der vorwiegende Anspruch des Kunstprojekts, sondern Chancengleichheit in Zeiten von wachsender Armut. In den Texten des Kunstprojekts wird Massenarbeitslosigkeit, fehlende Lohngerechtigkeit, Verschuldung, mangelnde Teilhabe im kulturellen und sozialen Bereich, ungerechte Verteilung, empfundene oder tatsächliche Behördenwillkür thematisiert. In vielen Fällen verbindet sich dies mit den Texten von Wilhelm Müller sehr verblüffend, jedoch ohne diese zu meinen.

Es hängen die Gefühle der Menschen mit ihren realen Lebensbedingungen zusammen – nichts kann und darf getrennt voneinander betrachtet werden. Die Winterreise von Wilhelm Müller und Franz Schubert ist ein Impuls zu stetiger Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Bedingungen, mit der Existenz des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft. Das Kunstprojekt Deutsche Winterreise ist eine Anfrage sozial ausgegrenzter Menschen an die Werte, die Ziele und Bedingungen unserer Zeit – zugleich macht sie diese Themen anhand von Einzelschicksalen deutlich und emotional erfahrbar; gemeint ist das Herz, aber genauso auch der Kopf. Schlimm wäre es, wenn bei einer Aufführung des Kunstprojekts bei den Hörern außer Mitleid nichts entstehen würde, denn wohnungslose und sozial ausgegrenzte Menschen haben mehr als Mitleid verdient.



Müssen soziale Einrichtungen jetzt auch noch Kunst machen?

 

 

 

Jeder darf Kunst machen. Und es gehört sogar zur Aufgabe sozialer Träger, mit allen Medien und Mitteln auf die soziale Not der Menschen hinzuweisen. Kunst ist lebensnotwendig und kann viel erreichen – auch in sozialen Einrichtungen.



Kommen die befragten wohnungslosen Menschen zu den Aufführungen?

 

 

Ja, aber für das Publikum meist nicht offensichtlich. Vielen Menschen sieht man ihr Schicksal äußerlich nicht an. Es kommen sicher nicht alle an der Entstehung des Projekts beteiligten Menschen zur Aufführung, aber ein großer Teil ist vertreten. Sicher ist, dass sich in den Projekt-Konzerten auch gesellschaftliche Schichten mischen. Dies bleibt für den Betrachter mitunter auf den ersten Blick verborgen. Auch sind wohnungslose Menschen nicht immer an äußeren Merkmalen identifizierbar.



Was soll längerfristig mit den gesammelten Lebensberichten geschehen?

 

 

Die Deutsche Winterreise ist ein dokumentarisches Kunstprojekt. Folglich könnte eine Buchveröffentlichung eine gute Übersicht zum Erleben von sozialer Ausgrenzung der Menschen in Deutschland geben. Auch ein Hörbuch wäre ein eindrucksvolles Zeugnis. Immer wieder ist auch die Aufführung der Texte in neuen Zusammenstellungen und mit Ergänzungen neuer Berichte denkbar.

 



In einer Stadt gab es Zwischenrufe. Stellt ein solches Vorkommnis das Projekt infrage?

 

Sicher weckt das Projekt starke Emotionen, denn es bilden sich in den erzählten Geschichten die düsteren Momente der befragten Menschen ab. Auch wenn für die meisten Interviewpartner diese Momente überwunden wurden, sollen diese Erlebnisse und Gefühle aus schwerer Zeit nicht verdrängt werden, denn es finden sich darin gesellschaftliche Appelle und Forderungen.

Auch die Themen Selbstmord und Gewalt werden nicht tabuisiert; sie sind Teil der gesellschaftlichen Realität. Es hilft nichts, sie zu verdrängen.

Es geht im Projekt Deutsche Winterreise nicht um Skandalisierung und Zuschaustellung, sondern um Aufrichtigkeit – auch wenn sie unangenehm, schonungslos und hart erscheint. Gedanklich aushalten, was andere Menschen real aushalten mussten, ist sicher keine leichte Anforderung, aber eine notwendige. Diese Winterreise ist kein gefälliger Spaziergang, sondern ein schwerer Weg durch dunkle Gefühle. Mit Anfechtung muss das Projekt leben, wie auch die Menschen, deren Geschichten erzählt wurden, in ihrer schweren Zeit angefochten wurden – von außen, oder von sich selbst.

Zwischenrufe und Kritik können übrigens aus allen Gruppen kommen. In einer Stadt wurde eine erzählte Geschichte im Nachgang heftig diskutiert: „Bei uns gibt es sowas doch nicht", so der Vorwurf. Ein anderes Mal rief ein Mann, der vermutlich selbst Erfahrung mit Wohnungslosigkeit machte, wütend in den Raum: „Werdet ihr doch mal wohnungslos, dann könnt ihr mitreden." All diese Vorkommnisse zeigen, wie sehr das Projekt zum Nachdenken anregt. Und das ist gut.



Wie kann man diese Winterreise stilistisch einordnen?

 

 

Die Aufführungen sind Dokumentation, Theaterstück, Lesung, Konzert, Performance und Liederabend.

Werden wohnungslose Menschen im Projekt "in den Schatten gestellt" und verborgen?

 

 

Nein. Wohnungslose Menschen prägen den gesamten Abend und füllen ihn mit ihren Lebenserfahrungen, die im Einzelinterview dem Autor Stefan Weiller erzählt wurden. Zum Wesen des Projekts gehört, dass die Menschen ihre Geschichte erzählen dürfen, sie aber nicht selbst aufführen und mit Gesicht und Namen vertreten müssen. Fast alle Interviewpartner bestanden darauf, anonym bleiben zu dürfen. Damit - natürlich mit ihrem Einverständnis - die Erfahrungen dennoch gehört und nachvollzogen werden können, leihen Schauspieler den Geschichten ihre Stimme.

Ist die Deutsche Winterreise ein Benefiz- und Charityprojekt?

 

 

Nein. Es handelt sich bei den Aufführungen in erste Linie um eigenständige Kunstwerke und Dokumentationen wahrer Begebenheiten. Veranstalter dürfen aber im Umfeld des Projekts um Spenden für ihre soziale Arbeit werben.



Nächste Aufführungen:

Dienstag, 28.02.2017 in Hamburg

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Veranstalter: Dt. SchauspielHaus und Hamburg Leuchtfeuer

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Kunstprojekte von Stefan Weiller

Seit Projektstart 2009 wurden für die Deutsche Winterreise 397  Menschen jeweils einzeln in 29 Städten interviewt.

Info Stefan Weiller

www.stiftung-winterreise.de

Aufführungen im Überblick:

Sämtliche hier veröffentlichten und wiedergegebenen Texte aus den Kunstprojekten von Stefan Weiller sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis des Autors in keiner Form zitiert oder wiedergegeben werden.

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© Letzte Lieder / Deutsche Winterreise / Die schöne Müllerin / Stefan Weiller