Neubearbeitung: Winterreise als Projekt für wohnungslose Frauen

Projektvariante mit einem Schwerpunkt auf Frauengeschichte

Die Zahl wohnungsloser Frauen steigt. Wohnungslosigkeit stellt sich bei Frauen oft anders dar, als bei Männern. Viele Frauen treten erst als wohnungslos in Erscheinung, nachdem sie lange Zeit in zweifelhaften und unsicheren Wohnverhältnissen lebten und sich in existenzieller Abhängigkeit befanden. Wohnungslosigkeit bei Frauen ist oft von Gewalterfahrungen, Sucht und traumatischen Erlebnissen begleitet.

Frauenschicksale ins Zentrum einer speziellen Bearbeitung des Projekts Deutsche Winterreise zu stellen, ist vor dem Hintergrund mangelnder öffentlicher Kenntnis zur Situation der Frauen sinnvoll.
Für die erste Winterreise mit diesem thematischen Schwerpunkt wurden 2010 in Wiesbaden über Monate hinweg betroffene Frauen gebeten, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Frauen bekamen in einzelnen Interviews Fragen nach Glück, Heimat, Liebe und Not gestellt. Auch der Weg, der sie auf die Straße führte, wurde im Gespräch nachgezeichnet.
Damit die Erlebnisse in größter Offenheit berichtet werden konnten, wurde allen Frauen Anonymität zugesichert. Die Erzählungen wurden mit Einverständnis der Beteiligten von dem Journalisten und Sozialarbeiter Stefan Weiller handschriftlich aufgezeichnet und sprachlich bearbeitet.
Die entstandenen Texte geben Hinweise auf die vielfältigen Bedingungen, die Menschen auf die Straße bringen können. Im Vergleich zur ursprünglichen Projektvariante der Deutschen Winterreise, für die überwiegend Männer befragt wurden, erzählen die Lebensschilderungen der Frauen in vielen Fällen von geradezu unerträglichen Gewalterfahrungen. Berichtet wurde in Wiesbaden, wo das Projekt 2011 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde, unter anderem die Geschichte einer Mutter, die drei Monate mit ihren Kindern auf der Straße lebte und die Kinder mit gespielter Heiterkeit („Kommt, wir gehen campen.“) von trüben Gedanken abhält. Auch die Geschichte einer Frau, die von ihrem Lebensgefährten mit dem Messer bedroht und schwer am Kopf verletzt wurde, wird nicht verschwiegen. Die zugesicherte Anonymität ließ die befragten Frauen teilweise von Gewalterfahrungen und Vergewaltigungen berichten. Oftmals sind diese Erlebnisse die Auslöser für die Flucht auf die Straße, deshalb sollen sie in dieser Winterreise nicht verschwiegen werden. Das Projekt soll nun für andere Städte bearbeitet werden

Es geht im Projekt Winterreise nicht um Zurschaustellung, sondern um Authentizität – dieser Anspruch erforderte, dass um belastende Themen kein Bogen gemacht wird. Diese Winterreise beschönigt nichts und sie fügt nichts hinzu – dies gilt auch für die neue Projektvariante, die sich Frauenschicksalen widmet. Letztendlich entscheiden die befragten Frauen, welchen Ausdruck und Schwerpunkt die Winterreise haben wird. Mit den Texten wird auch ein neuer Deutungszugang zur Schubertschen Winterreise ermöglicht. Zugleich gibt sie Hinweise auf die Not der Menschen auf der Straße, auf die Not von Mitbürgerinnen und Mitbürgern.

Was ist anders bei der Deutschen Winterreise mit Frauenschicksalen?

Der Charakter der Aufführung wird vor allem von den befragten wohnungslosen und sozial ausgegrenzten Frauen geprägt. Zwischen den Schubert-Liedern werden die Geschichten von einer Schauspielerin vorgetragen.
Der Großteil der Lieder wird von zwei Sängerinnen (Sopran und Mezzosopran) vorgetragen. Männer treten vorwiegend als Duettpartner auf, bzw. bekommen nur einen kleinen Teil der Lieder übertragen. Wichtig ist, dass auch Erfahrungen von Männern in diese Weiterführung der Winterreise aufgenommen werden, da auch ihre Not nicht vergessen werden darf.
Insgesamt unterscheidet sich diese Winterreise deutlich von der üblichen Aufführungspraxis des Liederzyklus.

Wohnungslose Frauen in Deutschland

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt die augenblickliche Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland auf ca. 280.000. Der Anteil der Frauen liegt bei ca. 25 Prozent. Aber diese Personengruppe bedarf besonderer Aufmerksamkeit, denn die Dunkelziffer ist nach Expertenmeinung als besonders hoch einzuschätzen. Die Gruppe der wohnungslosen Menschen ist einem steti¬gen Wandel unterworfen, hier spiegeln sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme und Veränderungen unserer Gesellschaft, mit einer gewissen Zeitverzögerung wieder.

Die Winterreise mit dem Schwerpunkt auf Frauenschicksalen in anderen Städten

Die Vorbereitungszeit, Organisation und die Kosten unterscheiden sich nicht von der ersten Projektvariante der Deutschen Winterreise. Ein Unterschied liegt aber darin, dass bei dieser Bearbeitung der Winterreise vorwiegend Künstlerinnen Aufführung auftreten. (Zwei Sängerinnen, eine Sprecherin, ein Sänger, ein Pianist, Chor, Organistin)

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Nächste Aufführungen:

Freitag, 12. Mai 2017 in Stuttgart

Die schöne Müllerin - von unerfüllter Liebe

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Kunstprojekte von Stefan Weiller

Seit Projektstart 2009 wurden für die Deutsche Winterreise 397  Menschen jeweils einzeln in 29 Städten interviewt.

Info Stefan Weiller

www.stiftung-winterreise.de

Aufführungen im Überblick:

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