Stefan Weiller
Stefan Weiller 

Motivation Letzte Lieder

Darf man ein Musik-Theaterprojekt realisieren, das sich dem Hospiz widmet, ja sogar im Hospiz und in anderen letzten Räumen seine Impulse erhält?

Dass das Sterben zum Leben gehört und Leben bis zum Schluss bedeutet, ist eine sehr schlichte, aber deswegen nicht weniger wahre Botschaft. Trotzdem meiden manche Menschen die Auseinandersetzung mit dem Sterben, es macht ihnen Angst, sich mit dem Tod, dem Verlust des Lebens zu beschäftigen. Diese Angst oder die Vielzahl widersprüchlicher und existenzieller Gefühle wird kein Kunstprojekt, kein Buch, keine Musik der Welt nehmen können, dies zu meinen, wäre hochmütig und unangemessen.

Die Letzten Lieder - ob als Buch oder Konzertlesung - entstehen aus der Überzeugung heraus, dass es hilfreich, ja sogar nötig ist, sich schon in gesunden, jungen Tagen mit dem Sterben – dem eigenen und dem der Angehörigen – auseinanderzusetzen. Bewusst zu leben, dazu gehört vielleicht auch, dem Tod zu begegnen, mit ihm umzugehen, zu trauern, sich zu erinnern, zu klagen, zu wünschen, zu zweifeln, zu akzeptieren.

Erinnerungskultur - mit neuen Mitteln

Das Projekt beschreibt gerade in seinen Aufführungen und Konzertlesungen eine spezielle Form der Erinnerungs- und Gesprächskultur.

Viele Menschen verknüpfen bestimmte Lebensphasen und Erlebnisse mit Musik. Mancher hat einen Soundtrack des Lebens zusammengetragen – darin bilden sich Glück, aber vielleicht auch Liebeskummer, Erfolg und sogar Verlust ab. Die Vielfalt ist schier unendlich. Wie das Leben und Sterben ist auch dieser Soundtrack immer individuell. Aber manchmal ist es auch ein Stück Zeitgeschichte, der man über die Lieder eines Menschenlebens begegnen kann. Letztlich stellen sich im gesamten Leben die Fragen: Was ist wirklich wichtig? Was ist wertvoll? Wie wollen wir leben?

Sich selbst, die eigene Sterblichkeit entdecken - und in Kontakt bleiben

Es sind kleine, fast alltägliche Betrachtungen über das Leben, die in diesem Projekt versammelt werden. Manche Besucher*innen der Aufführung können sich in diesen Geschichten und Liedern vielleicht auch selbst entdecken und begegnen.

 

Das Projekt will dazu beitragen, die Scheu vor dem Umgang mit sterbenden Menschen und Hospizen zu nehmen. Dabei soll der Tod nicht verharmlost, die Sterbephase nicht romantisiert oder inszeniert werden.

 

Mitunter kann man Sterbende zu ihrem Schutz vor Infektionen nicht besuchen, etwa in Grippezeiten, aber trotzdem gilt es, den Kontakt zu halten und zu telefonieren. Aber mancher, so machten die Gespräche in den beiden beteiligten Hospizen deutlich, sieht sich durch die Aufnahme im Hospiz isoliert: „Das Umfeld hat sich weitgehend zurückgezogen, weil sie fürchten, nur noch zu stören. Dabei wünsche ich mir Kontakt, solange ich lebe“, sagte eine Patientin im Hospiz. Sterben kann Ausgrenzung zu Lebzeiten bedeuten. Wie verhält man sich also richtig? Ein Patentrezept gibt es nicht, Antworten sind, sofern sie überhaupt befriedigend gefunden werden, immer individuell und vielleicht nie vollständig. Aber trotzdem ist es sinnvoll, redlich und geradezu unausweichlich, sich den Fragen des Abschieds zu stellen.

Letzte Lieder - ein Kunstwerk mit vielen Schattierungen und Facetten

In Hospizen klingt Musik, es wird geweint und gelacht, gegessen und geredet, geschwiegen, fern gesehen, gebetet, getrauert – das sind sehr schlichte Erkenntnisse und eigentlich keine Sensationen – entsprechend wird auf Effekte und Verstärkungen bei der Aufführung verzichtet. Auch dass Hospize das gesamte Leben abbilden, mag keine neue Erkenntnis sein, aber trotzdem machen diese Häuser und damit auch die Schicksale der Patient*innen und Besucher*innen im Hospiz vielen Menschen große Furcht.

Die Bücher. Lesungen und Ensemble-Konzerte der Letzten Liedern öffnen Türen zu einem offeneren Umgang mit dem Leben zum Hospiz und zu Menschen in der letzten Lebensphase.

Darüber reden

Das oft vermutete Redetabu, das über dem Sterben und Tod zu liegen scheint, lässt sich angesichts der Häufigkeit medialer Berichterstattung nicht belegen, vielmehr ist durchaus ein hohes Interesse an diesen Themen gegeben. Aber auch wenn das Darüber-Reden kein Tabu ist, so fehlen doch mitunter die Worte. Musik kann ein Medium sein, auch wortlos Gefühle zu teilen und sie kann eine Brücke bilden, die zur Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen des Lebens führt.

Bei den Gesprächen, die für das Kunstprojekt im Hospiz geführt werden, schafft der Austausch über die Musik des Lebens eine Auseinandersetzung mit der Frage nach den Dingen, die das Leben (auch in der letzten Lebensphase) wertvoll machen.

Info Stefan Weiller

stiftung-winterreise.de

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