Wiegenlieder - Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf

Geschichten aus Frauenhäusern treffen in einem durchkomponierten Nachtstück auf Schlaf- und Wiegenlieder

Wiesbadener Wiegenlieder

Frankfurter Wiegenlieder

30. März 2012

Ev. Ringkirche Wiesbaden

mit Leslie Malton

31. März 2012

Ev. Matthäuskirche Frankfurt a.M.

mit Renan Demirkan

Konzept, Texte (auf Grundlage von Interviews): Stefan Weiller

Das Projekt Wiegenlieder kann auch in anderen Städten realisiert werden. Nehmen Sie Kontakt auf:

Impressionen Frankfurter Wiegenlieder

Lichtinstallation Ralf Kopp

Beispiel: Wiesbadener Wiegenlieder
Von der Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf
Lieder, Texte und sieben ruhelose Frauengeschichten aus Wiesbaden

Hintergrund:
Sorgen halten Menschen wach. Die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung ist in der Zeit der Sorge am tiefsten.  In extremen Situationen leiden viele Menschen an Unruhe und Schlaflosigkeit, die ihre Situation und ihr Lebensgefühl zusätzlich beeinträchtigt. Bei Besuchen und Gesprächen im Haus für Frauen in Not wird deutlich, dass Frauen, die alleine oder mit Kindern aus einer häuslichen Gewaltsituation geflohen sind, oft viele Nächte lang wach liegen und grübeln, zweifeln, hadern. Es ist eine Mischung aus Angst vor der Zukunft und schmerzlicher Erinnerungen der Vergangenheit, die zu den durchwachten Nächten führt. Hinzu kommt, dass auch die ungewohnte Umgebung, die fremden Geräusche und die große Anhäufung anderer Schicksale von Mitbewohnerinnen das Haus und seine Bewohnerinnen nicht recht zur Ruhe kommen lassen. Das Frauenhaus ist eine Zwischenstation auf halber Strecke und zunächst nur ein Symbol für die Ankunft, denn noch leben die Menschen im Haus – trotz intensiver Hilfen und Unterstützung – in Ungewissheiten. Nirgendwo scheint die Sehnsucht nach erholsamem, Vergessen und Ruhe bringendem Schlaf tiefer als in einem Frauenhaus. Wenn hier, wie es oft geschieht, den Kindern Lieder zum Einschlafen vorgesungen werden, dann klingt in diesen Liedern auch ein bitterer Ton, ja sogar Angst und Ungewissheit mit. Die Verletzungen an Körper und Seele sind lange nicht überwunden und so klingt jedes im Frauenhaus gesungene Schlaf- und Wiegenlied auch wie ein Versprechen auf eine bessere Zeit.
Diese Spannung will das Projekt „Wiesbadener Wiegenlieder“ an einem Abend aufgreifen und mit möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern symbolisch teilen. Über Monate hinweg führte Projektinitiator Stefan Weiller vom Diakonischen Werk Wiesbaden Gespräche mit Frauen aus dem Frauenhaus, bei denen es immer wieder um ein Thema ging: Schlaflosigkeit und die Gründe für das Ausbleiben ruhiger Nächte. Nachts kommen in diesem Haus Dämonen der Erinnerung an das Erlittene. Zweifel, Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, Zukunftsangst, Hass, Angst, Wut, Sehnsucht, Einsamkeit, Trauer, Frustration – die Spanne der Nachtgedanken und Gefühle ist groß.  Zu den Schlaf- und Wiegenliedern gesellen sich bei der Veranstaltung „Wiesbadener Wiegenlieder“ auch die Geschichten der Frauen aus dem Haus für Frauen in Not. Erweitert werden diese Elemente mit Liedern voller Unruhe und voller Sehnsucht nach dem Schlaf  - und auch nach des Schlafes Bruder, denn auch solche Gedanken sind manchen Frauen in Extremsituationen nicht fremd. 

Konzept Wiesbadener Wiegenlieder:
Sieben Stunden Schlaf werden durchschnittlich als notwendig und ausreichend empfunden, um den Alltag gut und erholt zu bewältigen. Sieben lange Geschichten auf der Grundlage von Gesprächen mit sieben Frauen aus dem Frauenhaus der Diakonie in Wiesbaden werden bei den Wiesbadener Wiegenliedern zu hören sein. Sprechen wird die Texte die bekannte Schauspielerin Leslie Malton. In allen Geschichten geht es auch um den Schlaf und die Gedanken der schlaflosen Nacht. 
24 musikalische Impressionen unterlegen, durchbrechen und erweitern diese Geschichten aus dem schlaflosen Wiesbaden. Dabei werden vertraute Schlaf- und Wiegenlieder ebenso zu hören sein, wie auch unruhige Frauenlieder von Franz Schubert, Clara Schumann bis hin zu Richard Strauß. 24 Musikstücke symbolisieren dabei die Länge eines Tages mit all seinen unterschiedlichen Stimmungen.  Sie gehen eine enge Verbindung mit den Texten der Frauen aus dem Frauenhaus ein und fördern das gegenseitige Verständnis und die Interpretationsräume.


Am Beginn der Veranstaltung steht jedoch ein wissenschaftlicher, aber einfach zugänglicher Text über den Schlaf, die Funktion des Schlafes und die Effekte von Schlaflosigkeit. Der Text wurde für die Wiesbadener Wiegenlieder von dem anerkannten Schlafforscher, Prof. Jürgen Zulley von der Universität Regensburg zur Verfügung gestellt. Professor Zulley wurde unter anderem mit der Forderung bekannt, Kinder zu einer späteren Uhrzeit zur Schule zu schicken, die dem Biorhythmus der Kinder mehr entspräche. Bei den Wiesbadener Wiegenliedern wird sein Text, wiederum gelesen von Leslie Malton, in das Thema Schlaf einführen, aber auch bereits mit Musik verwoben werden.
Einen weiteren Erfahrungs- und Denkhorizont eröffnen einige ausgewählte Gedichte bekannter Dichter zum Thema Schlaf und Traum.
Musikalisch sind die Wiesbadener Wiegenlieder außerordentlich vielseitig: Ein Chor, ein Quartett, eine Sopranistin werden ebenso zu hören sein, wie auch Harfe, Orgel und Klavier. Hinzu kommen einige musikalische Besonderheiten, die dem Abend eine Dramaturgie und emotionale Eindringlichkeit verleihen werden. Deutsches Kunstlied, traditionelle Schlaf- und Wiegenlieder, Nocturnes, Chormusik, Orgel- und Harfenmusik geben einen vielseitigen musikalischen Charakter, der aber jeweils durch das gemeinsame Thema Schlaf gehalten und geprägt wird.


Die Wiesbadener Wiegenlieder sind keine zufällige oder beliebige Abfolge von Texten und Musik, sondern ein ineinander verwobenes, durchkomponiertes Nachtstück. Aber zugleich handelt es sich nicht um ein Theaterstück im eigentlichen Sinne, denn es ist tief im Leben von Menschen aus Wiesbaden verwurzelt. Die erzählten Geschichten wurden in enger Abstimmung mit den befragten Frauen verfasst und von ihnen in der aufgelegten Form zur Aufführung freigegeben. Das Projekt taugt nicht zur leichten, heiteren, beschwingten Unterhaltung, denn es erzählt mit nötiger Klarheit und Härte von Lebenserfahrungen von Menschen aus Wiesbaden. Trotzdem wird die Schönheit und Würde der Musik und auch der Texte betont.


Im Zentrum werden unbestritten die Erzählungen nach den Schilderungen von Frauen aus Frauenhäusern stehen. Frauenhäuser müssen zum Schutz der Bewohnerinnen an unbekannten Orten der Stadt arbeiten. Die Adresse darf nicht allgemein bekannt sein. Entsprechend sind Frauenhäuser für viele Menschen blinde Flecken auf den Landkarten. Dieser Effekt wird verstärkt durch das Schweigen, in das immer noch viele Menschen das Thema häusliche Gewalt hüllen wollen. Aus Gesprächen mit Frauen ist bekannt, dass viele Mythen und diffuse Vorstellungen den Weg in ein Frauenhaus zumindest für manche Frau erschweren: „In Frauenhäusern nimmt man Frauen die Kinder weg.“ „In Frauenhäusern wird man eingesperrt und lebt unfrei.“ „In Frauenhäusern darf man keine familiären oder sonstigen sozialen Kontakte pflegen.“ – so lauten nur einige Beispiele dieser falschen Annahmen. Sie führen allzu oft dazu, dass manche Frau erst spät die Hilfe dieser Einrichtungen beansprucht, weil sie sich in aussichtsloser Lage wähnt. Oft liegt ein langer Leidensweg hinter den Frauen. Es ist wichtig, Redetabus zu beseitigen.

 

Mit den Wiesbadener Wiegenliedern soll ein neuer Beitrag geleistet werden, die Arbeit von Frauenhäusern transparenter zu machen und Frauen zu ermutigen, die häusliche Gewaltsituation zu durchbrechen. Aber das Projekt fördert auch Diskussion um den modernen Familienbegriff und die Geschlechterrollen.


Das Diakonische Werk Wiesbaden hat auf Initiative seines Öffentlichkeitsarbeiters StefanWeiller geradezu eine Tradition entwickelt, mit anspruchsvoller Kunst, Kultur und authentischen Berichten soziale Themen zu vermitteln. Die Wiesbadener Wiegenlieder sind ein neuer Beitrag, um auf regionaler Ebene und mit den Berichten von Menschen aus der Nachbarschaft der Verantwortung sozialer Träger gerecht zu werden. Diese Verantwortung besteht auch darin, Stimme für jene Menschen zu sein, die aufgrund sozialer Problemlagen in vielerlei Anfechtung sehen. Das Informieren, Helfen und Befähigen ist grundlegend für die Arbeit der Diakonie. Aber auch das Werben um Solidarität, das Fördern von Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Mitgestaltung sind Aufgaben sozialer Träger. Mit den Wiesbadener Wiegenliedern wird die Diakonie diesen Anforderungen auf hohem Niveau gerecht.


Die Wiesbadener Wiegenlieder erzählen von Liebe, vom Zusammenleben, von Geschlechterrollen, vom Scheitern, vom Hoffen und Vertrauen. Sie sind auch eine Zustandsbeschreibung für gesellschaftliches Leben der Stadt und ihrer Menschen. Besonders Geschichten und Erfahrungen von Migrantinnen prägen dieses Projekt.
Das Projekt wird vom Frauenreferat der Landeshauptstadt Wiesbaden unterstützt. Hinzu kommt die finanzielle Förderung verschiedener Stiftungen, Firmen und Clubs.


Dauer: ca. 120 Minuten
Wiesbadener Wiegenlieder

Ringkirche Wiesbaden
Abend gegen häusliche Gewalt


Mitwirkende:
Leslie Malton Rezitation
Matthäuschor und Matthäusquartett Frankfurt a. M,  Christina Schmid, Hedayet Djeddikar, Monica Rincon,  Eva-Maria Hodel
Stefan Weiller, Konzept, Regie, Dramaturgie, Texte




Bei diesem sozio-kulturellen Projekt geht es um die Vermittlung von schwierigen, sogar tabuisierten gesellschaftlichen Themen. Die Wiegenlieder sollen sozial integrierend wirken und Bewusstsein herstellen für unterschiedliche Problemlagen; die unzureichende Anerkennung von im Ausland erworbenen Bildungsabschlüssen ist eines von vielen Themen, die in den Wiegenlieder-Aufführungen angesprochen werden. Das Projekt will in der Verbindung aus Sozialarbeit und Kunst Fragen stellen und Aufmerksamkeit schaffen. Frauen aus Frauenhäusern sollen einerseits geschützt bleiben und zugleich dennoch einen Weg finden, ihre Probleme und Sorgen zu artikulieren - und gehört zu werden.

Das Bild zum Wiegenlieder-Projekt wurde von Fotografin Lena Obst gestaltet.

Nächste Aufführungen:

Dienstag, 28.02.2017 in Hamburg

Letzte Liebeslieder

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Veranstalter: Dt. SchauspielHaus und Hamburg Leuchtfeuer

alle Termine auf der Seite "Kalender"

Kunstprojekte von Stefan Weiller

Seit Projektstart 2009 wurden für die Deutsche Winterreise 397  Menschen jeweils einzeln in 29 Städten interviewt.

Info Stefan Weiller

www.stiftung-winterreise.de

Aufführungen im Überblick:

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