Stefan Weiller Kunstprojekte
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Wiegenlieder - Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf

Geschichten aus Frauenhäusern treffen in einem durchkomponierten Nachtstück auf bekannte Schlaf- und Wiegenlieder

Wiegenlieder
Von der Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf
Lieder, Texte und ruhelose Geschichten aus Frauenhäusern

Hintergrund:

Vor einigen Jahren hatte Stefan Weiller aus beruflichen Gründen Zugang zu einem Frauenhaus in Hessen. In dem Haus, das stark ausgelastet und voller Unruhe zu sein schien, fiel dem Autor eine junge schwarze Frau auf, die im von Lärm und Getöse geprägten Aufenthaltsbereich einem kleinen Kind ein bekanntes Wiegenlied sang. Das Lied in diesem unruhigen Umfeld zu hören, regte Weiller an, Erfahrungen häuslicher Gewalt zu Geschichten zu verarbeiten und mit  bekannten Schlaf- und Wiegenlieder zu verbinden.

 

Weiller rechcherierte dafür drei Jahre hinweg in mehreren Frauenwohneinrichtungen, die ihm den Zugang gewährten und Frauen und Müttern die Möglichkeit zum Gespräch mit dem Autor eröffneten. Viele Frauen wollten für das Projekt "Wiegenlieder" anonym von ihrer Erfahrung erzählen, es war den beteiligten Frauen ein Anliegen, über Häusliche Gewalt zu sprechen, damit sie nicht mehr vertuscht und verheimlicht wird. Weiller schrieb frei nach wahren Motiven Texte und Szenen.

 

Es ist tief erschütternd und ergreifend, wie sich die alten, vermeintlich harmlosen Schalf- und Wiegenliedertexte mit den Erfarhungen von Gewalt, Angst, Not, Wut, Verzweiflung inhaltlich verbinden - und wie sich aus dieser Gegenüberstellung neue Einsichten zum Tabu-Thema Häusliche Gewalt gewinnen lassen.

Häufig schweigen Frauen über ihre Gewalterfahrung - und schützen somit die Täter. Scham darf nicht dazu führen, dass Menschen Gewalt nicht anzeigen. Deshalb ist es wichtig, dass Gesellschaften sich diesen Phänomenen stellen, denn Gewalt ist nicht privat, sie ist ein Verbrechen, gegen das man sich gemeinsam stellen muss.

 

Sorgen halten Menschen wach. Die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung ist in der Zeit der Sorge am tiefsten.  In extremen Situationen leiden viele Menschen an Unruhe und Schlaflosigkeit, die ihre Situation und ihr Lebensgefühl zusätzlich beeinträchtigt. Bei Besuchen und Gesprächen in Frauenhäusern wird deutlich, dass Frauen, die alleine oder mit Kindern aus einer häuslichen Gewaltsituation geflohen sind, oft nächtelang wach liegen und grübeln, zweifeln, hadern. Es ist eine Mischung aus Angst vor der Zukunft und schmerzlicher Erinnerungen der Vergangenheit, die zu den durchwachten Nächten führt.

 

Hinzu kommt, dass auch die ungewohnte Umgebung, die fremden Geräusche und die große Anhäufung anderer Schicksale von Mitbewohnerinnen das Haus und seine Bewohnerinnen nicht recht zur Ruhe kommen lassen. Das Frauenhaus ist eine wichtige und wertvolle Zwischenstation auf halber Strecke und zunächst nur ein Symbol für die Ankunft, denn noch leben die Menschen im Haus in Ungewissheiten. Formal gelten diese Frauen als wohnungslos, denn das Frauenhaus ist lediglich eine Übergangslösung, die zu einer festen Wohnung führen soll.

Nirgendwo scheint die Sehnsucht nach erholsamem, Vergessen und Ruhe bringendem Schlaf tiefer als in einem Frauenhaus. Wenn hier, wie es oft geschieht, den Kindern Lieder zum Einschlafen vorgesungen werden, dann klingt in diesen Liedern auch ein bitterer Ton, ja sogar Angst und Ungewissheit mit. Die Verletzungen an Körper und Seele sind lange nicht überwunden und ist jedes im Frauenhaus gesungene Schlaf- und Wiegenlied ein Versprechen auf eine bessere Zeit.

 

Wer die Liedtexte bekannter Wiegenlieder "Weißt du wieviel Sternlein stehen", "Der Mond ist aufgegangen" und vieler weiterer, auch internationaler Schlaf- und Wiegenlieder analysiert, stellt fest, dass diese vertrauten Lieder keines wegs harmlos sind, sondern gerade von Anfechtung, Sorge und Angst erzählen. Sie scheinen für Menschen in Sorge gemacht worden zu sein.


Weiller hat nach seinen Recherchen 52 Texte und Szenen über Häusliche Gewalt geschrieben und mit internationalen Schlaf- und Wiegenliedern direkt verbunden. Es entsteht ein neuer, irritierend passgenauer Verständniszugang.

 

Als Konzert-Lesung (u.a. mit Leslie Malton und Renan Demirkan) waren die Wiegenlieder bereits zu erleben. Weitere Aufführungen sind beabsichtigt und ein Hörbuchprojekt ist in Planung. Selbstverständlich werden in dieser Arbeit keine Namen und konkreten Orte genannt, damit die Frauen und ihre Kinder geschützt bleiben.

Das Bild zum Wiegenlieder-Projekt wurde von Fotografin Lena Obst gestaltet.

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Nächste Aufführungen:

Info Stefan Weiller

www.stiftung-winterreise.de

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